Sachkundenachweis

Heute überlässt Nayeli alias Möttchen ihrer Esther die Tastatur. Das, was da in Bundesbern zum SKN entschieden worden ist, kann nämlich kein Hund nachvollziehen, meint sie und zieht sich mit einem Kopfschütteln auf ihre Decke zurück.

Jetzt erst recht!

Foto: Pixabay
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Am 19.9. hat der Nationalrat die Motion Noser aus dem Ständerat mit 93 zu 87 Stimmen knapp überwiesen. Gegen den Entscheid der vorberatenden Kommission. Ruedi Noser beauftragt mit seiner Motion den Bundesrat, das Obligatorium für den Erwerb eines Sachkundenachweises SKN aufzuheben, und das mit folgender Begründung: „Der Schlussbericht der Evaluation der Sachkundenachweise, den das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen am 11. März 2016 publiziert hat, zieht bezüglich Hunden eine gemischte Bilanz: Dem Obligatorium könne keine objektive Wirkung anhand von "hard facts" (wie einer Abnahme von Vorfällen oder Verhaltensunterschieden zwischen Personen mit und ohne Kursbesuch) zugeschrieben werden. Vollzug und Qualitätssicherung der Kurse seien nicht optimal. Ein Fünftel der zur Teilnahme verpflichteten Hundehalter besucht die Kurse gar nicht. Diese Sachlage sollte zum Anlass genommen werden, die Eigenverantwortung zu stärken und das Obligatorium aufzuheben. Der Aufwand für eine Durchsetzung der Bestimmungen wäre gross, während nichtdurchgesetzte Obligatorien rechtsstaatlich störend sind.“1

Nun liegt der Entscheid also beim Bundesrat, er soll die obligatorischen Kurse wieder abschaffen. Gegen seinen Willen, denn der Bundesrat hat sich für die Beibehaltung des SKN ausgesprochen.

Ebenfalls bemerkenswert: Bei Ständerat und Motionär Ruedi Noser handelt es sich um den selben FDP-Politiker, der vor gut 10 Jahren die Unterschriftensammlung mit unterzeichnet hat, die 2008 dann zu dem Obligatorium führte, das er mit seiner Motion jetzt wieder abschaffen will. Politische Glaubwürdigkeit definiert sich meines Erachtens anders.

 

Kaum überzeugender als der Schlingerkurs des Herrn Noser wirken die Argumente für eine Abschaffung des Obligatoriums. Offensichtlich hätten die Kurse aus Sicht der Mehrheit des Parlamentes u.a. einen Rückgang der Beissvorfälle bewirken sollen. Eine derartige Erwartung ist im besten Fall naiv. Es braucht weder ein vertieftes Nachdenken noch Sachverstand um vorherzusagen, dass sich vier Lektionen Hundeschule wohl kaum auf eine Beissstatistik auswirken. Die obligatorischen Kurse können Hundehaltenden lediglich ein Basiswissen über das Wesen des Hundes vermitteln und die Bezugspersonen dazu motivieren, sich mit und für ihren Hund weiterzubilden.

Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari
Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari

Aber was ist mit den 20% Hundehaltenden, die den Kurs gar nicht absolviert haben?

Das ist in der Tat ein Argument. Allerdings nicht gegen das SKN-Obligatorium, sondern für eine bessere Kontrolle, dass diese Kurse auch tatsächlich absolviert werden – von allen Menschen, die einen Hund halten oder halten wollen. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Weil sich ein Fünftel der SKN-Pflichtigen weigert, den Sachkundenachweis zu erbringen, werden nicht etwa die Verweigerer in die Pflicht genommen – sondern es wird der Sachkundenachweis abgeschafft. Was für ein Irrsinn. Das ist in etwa so, als würden 20% derer, die Auto fahren wollen, keine Lust auf die Fahrschule haben, und das Parlament in Bern schafft deshalb den Führerschein ab. Es ist keine Erkenntnis, auf die man nach jahrelangen Studien kommt, sondern eine Binsenweisheit: Eine Anordnung kann nur so gut sein wie die Kontrolle ihrer Umsetzung. Das gilt für das theoretisch vorbildliche Tierschutzgesetz in diesem Land wie auch für den obligatorischen Sachkundenachweis – beide verlieren ihren Wert, wenn sich niemand darum kümmert, dass sie ernst genommen werden. Und die hierfür erforderliche Kontrolle obliegt den Behörden. Ist eine Kontrolle nicht gewährleistet, dann sollte eine Verordnung gar nicht erst in Kraft gesetzt werden. Weil sonst irgendwann auch niemand mehr die Behörden ernst nehmen kann.

Aber was hat denn der SKN bewirkt, gibt es etwas, das sich durch diese Kurse verbessert hat?

Das gibt es durchaus. Zunächst einmal wurde mit dem SKN ein wichtiges Signal gesetzt: Für die Haltung eines Hundes existiert ein Standard an minimalem Wissen, das Voraussetzung für ein einigermassen konfliktfreies Miteinander von Menschen mit und ohne Hund Voraussetzung ist. Diese Signalwirkung hat u.a. in Deutschland für eine Diskussion zur Einführung eines Hundeführerscheins gesorgt. Aber auch der Schlussbericht der  Evaluation durch das Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen stellt den Kursen ein insgesamt gutes Zeugnis aus. Diejenigen, die auch tatsächlich teilgenommen haben, bewerten Qualität, Sinn und Zweck der Kurse positiv. 75% der Veterinärdienste bescheinigen dem Kurs, dass er hinsichtlich des Tierwohls und der tiergerechten Haltung des Hundes erfolgreich war, und dass sich der Umgang mit dem Hund positiv verändert hat. Aber anscheinend wiegt dieser nicht in Wahlargumente umzumünzende Erfolg im politischen Geschäft zu wenig.

Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari
Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari

Geld scheint hingegen ein solches Argument zu sein: Seitens der SKN-Gegner unter den Hundehaltenden und von einigen Politikerinnen und Politikern ist immer wieder zu hören, dass mit dem Obligatorium grosses Geld verdient worden sei. Ich habe nicht den Überblick über alle Angebote im Hundebereich. Dort, wo ich Einblick nehmen kann – bei meinen Kolleginnen und Kollegen von ccf – hat sich mit Garantie niemand in den letzten acht Jahren eine goldene Nase verdient. Über 95% der Trainerinnen üben diese Tätigkeit nebenberuflich aus, da mit dem Ertrag aus einer Hundeschule das Leben nicht bezahlt werden kann.

Und die Ausbildungsorganisationen? Wer schon mal ein KMU aufgebaut hat weiss, dass die ersten Jahre vor allem durch viel Arbeit und ein schmales Budget geprägt sind. Selbstverständlich spielt auch hier die Frage der Qualität eine grosse Rolle. Werden pro Lehrgang 24 oder mehr Teilnehmende von nur einer Lehrperson ausgebildet, dann resultiert ein anderer Gewinn als bei Lerngruppen mit maximal 20 Personen und der Begleitung durch mehrere Fachleute im Unterricht. Zukünftige Teilnehmende müssen genau hinschauen und prüfen, was für das Kursgeld alles geboten wird. Denn die wenigen Qualitätskriterien, die der Gesetzgeber definiert hat, müssen nun natürlich seitens der Ausbildungsstätte nicht mehr eingehalten werden. 2

Kurzum: Ob die Hundetrainer, die an der Basis arbeiten oder die Ausbildungsstätten, die in den letzten Jahren ihre KMU’s aufgebaut haben – für uns alle, die wir mit einem hohen Verantwortungs- und Qualitätsbewusstsein in der Ausbildung von Hundehaltenden tätig sind, ist die Annahme der Motion Noser ein Schlag ins Gesicht.

Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari
Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari

Was bedeutet die Veränderung nun für unsere Trainerinnen und Trainer?

Wir können davon ausgehen, dass 80% der Hundehalter den Kurs besucht haben. Eine Mehrheit davon hat sich nach dem SKN weiter gebildet. Diese Menschen mit Hund brauchen auch morgen und übermorgen engagierte und motivierte Trainerinnen. Fachpersonen, die wissen, wovon sie reden und die über eine qualifizierte Ausbildung verfügen. cumcane familiari hat von Beginn an die Basisfachausbildung breit aufgestellt. Die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte haben nur einen Teil des Lernstoffes ausgemacht, der bearbeitet wurde. ccf hat 1/3 mehr Präsenzstunden angeboten in der Überzeugung, dass eine kompetente Trainerin, ein kompetenter Trainer einiges an Wissen und Praxiserfahrung mehr braucht als es im Gesetz vorgeschrieben ist.

Das erworbene Zertifikat verliert seine Gültigkeit selbstverständlich nicht. Einzig den Zusatz SKN kann Mann und Frau sich schenken, sobald das Obligatorium abgeschafft ist.

Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari
Foto: Esther Hufschmid / cumcane familiari

Und jetzt? Jetzt erst recht!

Auch wenn in Bundesbern aktuell sehr viele Politiker und Politikerinnen sitzen, für die anscheinend Tierschutz und Tierwohl nur ein paar Buchstaben in einer Verordnung sind - wir bleiben dran! Unabhängig von der jeweils aktuellen Gesetzeslage zahlt sich eine gute Ausbildung für alle aus, die mit Menschen und Tieren arbeiten wollen. Auch wenn der SKN tatsächlich abgeschafft werden sollte – wir haben unsere Möglichkeiten, Hundehaltende für das gemeinsame Lernen mit ihren Tieren zu begeistern.

Gute Ausbildnerinnen und Ausbilder im Bereich Hundehaltung werden weiterhin gebraucht. Und das unabhängig davon, wie sich die Fahne im politischen Wind dreht! 

1      (Quelle: https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20163227)

2     cumcane familiari war hier von Beginn an transparent, auf der Seite "Unsere Leistung - Ihr Nutzen" ist en detail aufgelistet, was die

       Teilnehmenden von dieser Ausbildung erwarten dürfen. 


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Kommentare: 2
  • #1

    Sarah Lindemann (Freitag, 30 September 2016 13:47)

    Vielen Dank Esther für den Beitrag. Ich stimme dir zu, wegen einer Minderheit wird die Mehrzahl wiedereinmal bestraft. Es tut mir Leid für all die engagierten Trainerinnen und hoffe, dass ihr trotzdem die frischen Hundebesitzer mit ihren Fellnasen erreichen könnt.

  • #2

    Esther Hufschmid (Freitag, 30 September 2016 14:25)

    Danke, liebe Sarah, für deine Rückmeldung.
    Ja, ich bin optimistisch, dass wir auch weiterhin die interessierten und motivierten Hundemenschen erreichen werden.
    Wie oben bereits geschrieben: Jetzt erst recht!
    Mit liebem Gruss
    Esther